Der Hauptplatz und seine Gebäude

von Manfred Kuzel

Entstehungsgeschichte

Die Anlage des etwa 60 x 170 Meter großen Hauptplatzes ist in der 1. Hälfte des 13. Jh. erfolgt, wobei die in der Literatur mehrfach angeführte Nachricht, nach welcher der Platz um 1230 von den Kuenringern angelegt worden sein soll, nicht existiert. Bereits im franziszäischen Kataster aus dem Jahre 1823 sind die Grundzüge der Verbauung im Bereich des heutigen Hauptplatzes klar erkennbar.

   
           franziszäischer Kataster von 1823                                               Bebauungsplan heute
Am Beispiel des Hauses Nr. 16 zeigt sich, daß sich seit 1823 hinsichtlich der Bebauungssituation kaum etwas
verändert hat. Grün markiert ist die zur Ziersdorfer Straße hin gelegene Scheune.

Ursprünglich jedoch war die Pfarrkirche vom Hauptplatz aus nicht zugänglich, weil sich unmittelbar an das ehemalige Schloß im Nordosten des Hauptplatzes verschiedene Wirtschaftsgebäude anschlossen. Diese Gebäude wurden erst mit Errichtung des Schüttkastens im Bereich des heutigen Lagerhauses gegen Ende des 18. Jh. überflüssig und teilweise abgerissen oder nach manchmal umfangreichen Umbauarbeiten anderen Verwendungen zugeführt. Der franziszäische Kataster zeigt daher die Situation nach diesen zahlreichen Veränderungen betreffend die Verbauung.

So hat sich insbesondere das Gebiet im Bereich des Schlosses völlig verändert. Anstelle der ursprünglichen mittelalterlichen Wasserburg sind nur mehr Reste derselben sowie das 1765 neu erbaute, aber unvollendet gebliebene Schloss mit dem bereits trockengelegten Wassergraben zu erkennen und der Zugang zur Kirche ist durch den bereits erfolgten Teilabbruch der herrschaftlichen Wirtschaftsgebäude nun auch vom Hauptplatz her möglich.

Am Platz selbst sind zwei Kleindenkmäler verzeichnet. Im Nordosten des Platzes, wo jetzt das Kriegerdenkmal steht, findet sich die heute am Tabor stehende Statue des Johannes Nepomuk. Im Südwesten, an der Stelle, an welcher sich die 1867 errichtete Mariensäule befindet, dürfte ein Bildstock gestanden haben, der sich vorher im Hofareal des Hauses Nr. 5 befand.

Die übrige Verbauung entspricht damals bereits der heutigen und geht in ihrer Substanz auf das 16. und 17. Jh. zurück. Die Grundstücke sind längsrechteckig und reichen mit ihrer Schmalseite zum Platz. An dieser platzseitig gelegenen Schmalseite wurden die Ackerbürger-, Handels- und Gewerbehäuser sowie Gastwirtschaften errichtet. Der zumeist traufständige Hausstock ist durchwegs zweigeschossig. Breitere Hausanlagen - wie etwa das heutige Gemeindeamt - entstanden durch Grundstückszusammenlegungen insbesondere seit dem 18. Jh.

An das als Mittel- oder Seitenflurhaus gestaltete Vorderhaus schlossen sich Hofflügel sowie abschließende Querscheunen an. Letztere waren durch parallel zur Längsachse des Hauptplatzes angelegte Straßen - sogenannte Hintauswege - erschlossen, die teilweise auch heute noch diese Funktion ausüben. So handelt es sich beispielsweise bei der Hauptstraße (Ziersdorfer Straße) um einen dieser ehemaligen Hintauswege und mehrere Parzellen reichen auch heute noch vom Hauptplatz bis zur Ziersdorfer Straße, wobei in einem Fall sogar die Scheune an der hauptstraßenseitigen Schmalseite des Grundstückes noch vorhanden ist.

Beachtlich ist die Fülle der erhalten gebliebenen historischen Bausubstanz, auf welche in der Folge noch eingegangen wird.

 

Der Hauptplatz nach der Neugestaltung von 2004

Der historische Hauptplatz von Sitzendorf wurde am 15. November 2004 nach einer großzügigen Neugestaltung wieder eröffnet. Einen Bericht über die Eröffnungsfeierlichkeiten finden Sie HIER

Einen virtuellen Hauptplatzführer (derzeit im Testbetrieb) finden Sie HIER

Legende:
(denkmalgeschützte Gebäude sind rot bezeichnet)

Nr.1: Hauptschule, ehemaliges Schloß

Der ursprüngliche Bau wurde 1745 abgetragen und ab 1765 erneuert. 3geschossiger, freistehender Bau am nordöstlichen Platzrand. 1957 Zubau des östlichen Gebäudeteils, Umbau und Neufassadierung, Kellergeschoß mit angeböschtem Sockel, Bruchstein- und Quadermauerwerk, innen Stichkappentonnengewölbe, vermutlich nach 1765.

  

Nr 4: Ehemaliges Priorat des Klosters Baumburg (?)

2geschossig mit Schopfwalmdach und verbrettertem Giebel, im Kern 13. Jh., Fenstersohlbänke und –verdachungen sowie Fassade aus dem 17. Jh., letztere restauriert. Im Erdgeschoß Kreuzgratgewölbe, Stuckdecken mit einfachen, geschweiften Spiegeln, eine bezeichnet mit 1723.

Oberhalb des Portals das Steinrelief "Presentatio Christi" von Oskar Höfinger aus dem Jahre 2003 und in einer Nische der angrenzenden Tormauer eine aus der Mitte des 18. Jh. stammende Statue des hl. Johannes Nepomuk (Leihgabe der Gemeinde).

Nr. 6: "Passhaus"

2-geschossiges dreiachsiges Seitenflurhaus mit steingerahmtem Segmentbogenportal aus dem 16. Jh., Obergeschoßfenster mit gekehlten Sohlbänken und Verdachungen aus Sandstein. Im Obergeschoß barocke Balkendecken mit Kerbschnittdekor aus dem 18. Jh.

 

Nr. 8:

2-geschossiges fünfachsiges Mittelflurhaus, dessen Fassade jüngst erneuert wurde. Die Substanz des Gebäudes reicht jedoch in das 16. Jh. zurück. Der Keilstein des barocken Korbbogenportals ist als Hauszeichen ausgeführt.

Nr. 9:

2geschossiges Bügerhaus aus dem 16. Jh. Hinter dem Rundbogentor mit Kämpfer und Keilstein eine von einer Stichkappentonne überwölbte Durchfahrt. Fenster mit gekehlten Sohlbänken und geraden Verdachungen, Innenräume mit Gewölben des 16. und 17. Jh. Die Fassade wurde 1983 erneuert.

 

Nr. 10:

Villa mit Eckturm, bezeichnet mit 1912, Dekor in Formen der Wiener Werkstätte.

  

Am Patergraben Nr. 2

Ehemaliger protestantischer Pfarrhof des 16. Jh. Breitgelagerte, 7achsige eingeschossige Zwerchhofanlage, im Kern 16.Jh. An erneuerter Straßenfront reliefierte Inschriftentafel des protestantischen Pfarrers Hueber, bezeichnet 1562 (1986 aus dem Hof des Hauses übertragen) und Epitaphfragment mit Wappenrelief, Hermen und Rollwerk aus dem dritten Viertel des 16. Jh. (ebenfalls in Sekundärverwendung). Hofflügel: An der Außenfront einachsiger Breiterker (16. Jh.) auf überarbeiteten Konsolen, Fenster mit spätgotischen, profilierten Gewänden und Steckgittern. Hofseitig Fenster des 16. Jh. Im Obergeschoß Holzbalkendecke aus der Bauzeit mit floralen und ornamentalen Motiven bemalt. Im Keller des Straßentraktes Kreuzgratgewölbe mit Schalungsabdrücken und Tonnengewölbe aus dem 16. Jh.

Nr. 11: Pfarrhof

2geschossig mit Walmdach und Putzfassade um 1910.

 

Nr. 13:

Ehemaliges Kranken- und Waisenhaus erbaut 1520, vor 1615 Spital, 1650 – 1750 Schule. Mehrfach, bereits im 16. Jh. verändert. 2geschossiger, 3achsiger spätgotischer Bau, auf gegenüber der Straße abgesenktem Niveau. Einachsiger, mächtiger Mittelerker aus der Bauzeit auf gedrungenem Stützpfeiler mit gewulstetem, abgetrepptem Kämpfer mit reliefiertem Weinlaubfries und Kopfkonsolen. Erkerkorb gegliedert durch spitzbogige Blendarkaden mit Maßwerknasen, darin Rosetten und Tierdarstellungen. Rest eines gotischen Fenstergewändes, profiliertes Rundbogenportal (Anfang des 16. Jh.), sowie Rechteckportal (Ende des 16. Jh.). Ein Fenster mit spätgotischem profilierten Gewände vom Anfang des 16. Jh. Die restlichen Fenster spätes 16. Jh. Reste von spätgotischen Dreipaßblendarkaden mit floralem Fries im Erdgeschoß. Seitlicher Strebepfeiler, darüber liegende Figur. Kaffgesims mit Rosettenfries über die gesamte Front. Im Erdgeschoß (heute Untergeschoß) 2schiffiger 2jochiger Einstützenraum mit Kreuzgratgewölbe auf gedrungenem Mittelpfeiler und Wandpfeilern. Im Erker Kreuzgratgewölbe.

 

Das Kriegerdenkmal für die Gefallenen der beiden Weltkriege

Das in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts erbaute Kriegerdenkmal (Details des Denkmals siehe unter "Die Weltkriege") liegt an der nordöstlichen Seite des Hauptplatzes. Josephinischer Zopfstil (Ende des 18. Jhd.) ziert zwei Steinvasen, die sich zu beiden Seiten vor dem Kriegerdenkmal befinden. 

Die Mariensäule

Gegenüber dem Kriegerdenkmal, an der südwestlichen Schmalseite des Hauptplatzes, befindet sich die Mariensäule.  


Die Pfarrkirche

Nordöstlich des Hauptplatzes liegt leicht erhöht die von Resten der ehemaligen mittelalterlichen Friedhofsmauer umgebene spätgotische Pfarrkirche "Zum Hl. Martin"mit spätberockem Südturm. Die ursprünglich romanische Pfeilerbasilika mit Querhaus wurde im 18. Jhd. zum Teil verändert und erneuert und in den Jahren 1900, 1968 und 2001 bis 2002 renoviert. Bei der Renovierung 1968 wurden im Vorraum Fresken aus dem 16. Jh. freigelegt, anläßlich der Renovierungsarbeiten 2002 wurde eine mittelalterliche Grabplatte in erstaunlich gutem Erhaltungszustand entdeckt.

Das dreischiffige Langhaus stammt im Kern vermutlich aus dem 14. Jhd., die über die gesamte Langhausbreite untergewölbte Orgelempore auf Pfeilern aus dem späten 18. Jahrhundert. Das Altarblatt des spätbarocken Hochaltars zeigt den hl. Martin (um 1800). Die Seitenaltäre stammen aus dem Jahr 1900, der Altar der nördlichen Kapelle aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.