Verstossenes Lamm großgezogen

Leih-Oma für alle Felle

von Franz Enzmann

 

BRAUNSDORF / Es war Ende Jänner. So ein grau verhangener nebeliger Tag, wie er um diese Jahreszeit nicht selten ist im nördlichen Weinviertel. Hedwig Buchgraber (77), die ehemalige Pfarrersköchin, die nun schon lange ganz allein in ihrem kleinen Häuschen da am „Hühnerberg“ ein wenig oberhalb des 160-Seelen-Dörfchens Braunsdorf wohnt, zog sich nach der Jause ihre dicke Jacke über und trat hinaus.

 

Die letzte Gartenarbeit war längst getan, und trotzdem geht die alte Frau jetzt mehrmals täglich hinters Haus, da, wo die Apfel- und Zwetschkenbäume stehen, und schaut suchend über den angrenzenden Wiesengrund. Den weidet nun schon im zweiten Jahr eine kleine Schafherde! Ein Nachbars-Ehepaar – beide sind berufstätig und führen nebenher einen kleinen Bauernhof – hat sich dem Bewahren alter, aussterbender Haustierrassen verschrieben. Und so sind nun Kärntner Brillenschafe Hedwigs Gesellschafter beim Gartenrundgang!

 

In diesen Tagen soll es wieder Nachwuchs geben, und wirklich – da oben, ein bisschen abseits von den anderen, da hoppelt ein kleiner weißer Punkt über die Weide und die frischgebackene Mama steht besorgt daneben. „Wie herzig!“ Oma Hedwig freut sich immer wieder. Doch irgendwann an diesem Nachmittag ist etwas anders bei den Schafen, als gewöhnlich. Lämmchen trinkt schon brav, doch dann ist da noch ein zweites, kleines weißes Knäuel, und das jammert. Leise, aber Herz zerreißend!

„Du lieber Gott, das müssen ja Zwillinge sein!“ Die alte Frau geht schnell hinten durch die Kellergasse hinunter und holt die Schaf-Bäuerin. Und dann ist es zum ersten Mal passiert, dass ein Lämmchen von der Mutter verstoßen wird! Da hilft es auch nicht, ihr immer wieder das Zweitgeborene unterzuschieben, damit es ein bisschen trinken kann, die Alte will es einfach nicht und tritt es weg. Es ist auch viel kleiner und zarter, das Mädel, als der kräftige Bub, der zuerst auf die Welt kam. „Ja, so ist die Natur“, sinniert Hedwig. „Da kommen nur die Stärkeren durch!“ Aber ihrem Blick sieht man sofort an, dass sie das kleine Sorgenkind schon ganz fest ins Herz geschlossen hat…

 

Nun haben wir schon Februar und der Winter hat das Weinviertel heuer fest im Griff. Aber die Braunsdorfer Brillenschafe sind schon wieder jeden Tag oben auf der Koppel hinter dem Haus der Pfarrersköchin. Liesl heißt übrigens das kleine Lamm, und aus dem Kümmerling ist ein Prachtexemplar geworden. „Zuerst hat man sich schon über zwei, drei Züge aus dem Flascherl gefreut, so schwach war die Kleine“, lächelt Hedwig versonnen. „Aber dann hat es sich schnell an die Ersatz-Mama und die Ersatz-Omi gewöhnt und kommt nun sofort angesprungen, wenn es meine Stimme hört!“ Denn wenn die Schafbäuerin anderweitig beschäftigt ist, dann übernimmt Oma Hedwig nur zu gern den Flascherl-Dienst.

„Oma, du riechst nach Schaf“, hat ihr Enkerl bei seinem letzten Besuch in Braunsdorf festgestellt. Kein Wunder, denn nach dem Füttern steht ja auch immer ein wenig Kuscheln mit Liesl auf dem Programm. „Am Anfang hat sich`s oft verkutzt, wie ein Baby auch, wenn’s zu hastig trinkt. Dann hab ich das kleine warme Fellknäuel auf den Arm genommen, den Bauch ein bisserl massiert. Und es ist so herzig, wenn die Liesl dann den Kopf so anschmiegt, ganz sacht an meinem Hals atmet und ich das Herz unter meiner Hand pochen spüre!“

Mittlerweile kommen auch alle anderen Lämmer gerne mal auf einen „Sprung“ zur Schaf-Omi, wenn sie die Liesl füttert. Denn da findet sich doch immer auch eine kleine Brot-Leckerei in der Schürzentasche zum Knabbern. „Das ist mein Tier-Kindergarten“, lacht Hedwig und ihre Augen strahlen…

 

Frau Buchgraber mit dem Schaflamm "Lisl"

Bildtext:

Die Braunsdorferin Hedwig Buchgraber mit dem Schaflamm „Lisl“

(FOTO: ENZMANN)